Michael Hacker: Jedes Panel ein eigener Schmäh

Illustrator und Comiczeichner Michael Hacker erzählt von neuen Comics, vom Zweifeln am eigenen Werk und von der Suche nach Ablenkung von den eigenen Projekten.
Illustrator und Comiczeichner Michael Hacker erzählt von neuen Comics, vom Zweifeln am eigenen Werk und von der Suche nach Ablenkung von den eigenen Projekten.

Selten sind Illustrationen so leuchtend bunt und haben gleichzeitig so viel Schmäh, Charme und Tiefe wie bei Michael Hacker. Das Cover seiner Stumm-Comic-Anthologie „Häcksler“ hätte ja durchaus das Zeug, jene versponnenen Philosophenwitze abzulösen, die psychoanalytisch bewegte Denker wie Slavoj Žižek immer russischen Juden in den Mund legen. Bei Žižek geht das etwa so: „Warum wollen Sie denn auswandern? – Weil es uns Juden schlecht gehen wird, wenn die UdSSR untergeht. – Aber die UdSSR wird nie untergehen! – Das ist der zweite Grund.“ Bei Hacker verlässt ein empörtes Gehirn den Schädel des Comiclesers, um sich auf zu besseren Ufern zu machen. – Wer beschwert sich hier über wen? Wer bleibt in dieser Situation übrig? Und wer hat denn zuallererst zum Comic gegriffen? 

Hacker lebt in Wien und Berlin, illustriert, produziert Gigposter und wagt sich nach einigen wortlosen Comics mit “El Herpez“, der Geschichte eines Lebensmittelinspektors, der mysteriösen Dingen auf der Spur ist, jetzt auch an eine große Comicstory. 

Du sagst, du hast den Plan für “El Herpez“ zehn Jahre mit dir herumgetragen … 

Ja, das war wirklich eine langwierige Angelegenheit. Es wird ja eine größere Story, und ich denke, der Umfang hat mir Angst gemacht. Mit dem Entschluss, die Story in einzelne Hefte aufzuteilen, ist es dann etwas leichter gegangen. Aber ich brauch trotzdem immer wieder Zeit, mich darauf einzustellen, wenn ich etwas Neues anfange. Und dann brauche ich zwei Wochen Ruhe, in denen ich an nichts anderem arbeite. Damit ist mal der Grundstein gelegt. Es dauert dann zwar immer noch länger, aber wenn ich die paar Wochen mal investiert habe, dann weiß ich, dass das nicht mehr aufzuhalten ist. 
Und ich merke, dass das auch wenn ich schon lange Comics zeichne, jetzt noch mal etwas ganz Neues ist. Bisher habe ich eher Kurzstorys gemacht, meistens ohne Text. Jetzt geht es darum, eine ganze Welt zu erschaffen. Auch die Arbeit mit Dialogen war neu für mich, aber ich wollte das unbedingt selber machen, um mich da reinzufinden und um besser zu werden. 

»Trotzdem kommt dann bei jedem größeren Projekt mal die Phase, in der ich immer wieder Zweifel habe. Ich stell alles in Frage, will es eigentlich hinwerfen, kann mir nicht vorstellen, dass das irgendwen interessiert.«

Wie gezielt arbeitest du beim Zeichnen? Setzt du einen fertigen Plan um, oder entsteht da viel unterwegs?

Ich hab schon einen klaren Plan für die Story. Und dann gibt es immer wieder Abweichungen, es kommen neue Ideen dazu, manches funktioniert nicht wie gedacht, oder ich hab eine bessere Idee. Ich muss dann auch immer lernen, mich darauf einzulassen und dem zu vertrauen, was unterwegs kommt. 
Ich mach mir oft Sorgen, dass ich mich dann verliere, oder dass ich ganz woanders lande als geplant. Wenn ich tiefer in einer Sache drin bin und konzentriert arbeiten kann, dann geht das besser. Dann kann ich den Ideen unterwegs mehr vertrauen und sie sind auch besser. 
Trotzdem kommt dann bei jedem größeren Projekt mal die Phase, in der ich immer wieder Zweifel habe. Ich stell alles in Frage, will es eigentlich hinwerfen, kann mir nicht vorstellen, dass das irgendwen interessiert. Ich lass die Dinge dann auch wirklich immer wieder eine Zeit lang liegen und kann dann erst mit einem neuen Anlauf weitermachen. 
Und wenn ich dann neues Vertrauen gefunden hab und weiterarbeiten kann, dann denk ich mir jedes Mal: „Beim nächsten Mal passiert dir das nicht mehr. Jetzt weißt du ja, wie du da wieder rauskommst, jetzt lässt du dich nicht mehr abbringen. Beim nächsten Mal machst du es gleich fertig.“ – Naja, aber denkste. Es ist dann jedes Mal das gleiche.
Ich denke, das hat auch damit zu tun, dass eigene Projekte etwas sehr Persönliches sind, man ist dann auch verwundbar. Da gibts keine Ausreden wie „Der Kunde wollte das so“ oder „War halt ein Job“. Da gibts dann wirklich nur die Frage: “Ist das alles, ist das das Beste?“ 
Aber jetzt bin ich gut dabei. Ich arbeite schon am zweiten Band von „El Herpez“, der soll im Herbst erscheinen. Vier oder fünf Hefte sollen es insgesamt werden. 

Eigene Projekte sind etwas sehr Persönliches, man ist dann auch verwundbar. Da gibts dann wirklich nur die Frage: “Ist das alles, ist das das Beste?“

2017 hast du ja für den Bildband „Pizzeria Disgusto“ ein sensationelles Crowdfunding hingelegt, das Buch war innerhalb nicht einmal eines Tages finanziert. Warum das nicht nochmal machen für das Comic?

Irgendwie war ich zu ungeduldig. Ich wollte das Comic einfach fertigmachen. Ich war gerade gut im Zeichnen und crowdfunden dauert dann auch wieder und ist viel Arbeit. Eigentlich habe ich mich ja so beeilt, um im März rechtzeitig zur Vienna Comix fertig zu werden – das ist halt Pech, dass die wie alles andere abgesagt wurde. Jetzt hoffe ich auf Herbst und darauf, dann gleich zwei neue Hefte verkaufen zu können. 
Die Pizza-Kampagne war sensationell, aber beim nächsten Mal würde ich ein paar Dinge anders machen. Ich habe u.a. nicht berücksichtigt, dass ich noch zwei Monate zusätzlich, über die Arbeit am Buch hinaus, gebraucht habe, die Kampagne abzuwickeln und die Rewards zu produzieren. Siebgedruckte Pizzakartons, Sticker, Zeichnungen … ich hatte eigentlich viel zu viele und unterschiedliche Angebote. Aber insgesamt war ich natürlich extrem zufrieden. 
Und das Pizza-Buch war übrigens auch eine Art Ablenkung von “El Herpez”. Ich hatte ein paar erste Ideen, hab dann bald gemerkt, dass das für ein Buch funktionieren könnte. Und dann war das eine willkommene Alternative, um nicht mit dem Comic beginnen zu müssen. Ich hab danach noch einige Zeichnungen aussortiert, weil mein Anspruch war, dass die Wortspiele auch möglichst international funktionieren sollten, und dass es nicht zu viele Geek-, Nerd- oder Metal-Anspielungen gibt. Man sollte auch ohne „Vorwissen“ Spaß daran haben können. 

Weil du Ablenkung und Zweifel ansprichst – bis du eigentlich auch so ein Perfektionist wie viele Zeichner?

Schwer zu sagen – bei einzelnen Zeichnungen oder Postern wohl eher, das ist ja ein überschaubarer Aufwand. Bei Comics muss man da schon pragmatischer sein, sonst wird das nie fertig. Wobei ich da auch immer wieder Entscheidungen treffe, die mich dann viel Zeit kosten. Bei “El Herpez“ wollte ich auf den ersten Seite unbedingt ein Panel mit einer starken Untersicht haben – und dann habe ich eben drei Stunden mit diesem Panel verbracht, das ich in zehn Minuten auch hätte machen können. Aber in dem Fall war diese Perspektive wichtig für die Story.
Und natürlich komme ich immer wieder auf vieles drauf, das ich besser machen kann. Dialoge sind für mich neu, das hab ich schon gesagt. Beim Erzählen glaube ich ja, dass ich schon alle Stilmittel, die Comics mit sich bringen, kenne und verstehe – das heißt aber nicht, dass ich diese auch umsetzen kann. Vor allem auch, wie Dinge nicht funktionieren, oder was man alles weglassen kann, damit ein Bild besser wird oder eine Szene schlüssiger. 
„El Herpez“ spielt ja oft in Küchen und beim Zeichnen war für mich zum Beispiel völlig klar, dass jede Küchenfliese gezeichnet werden muss, damit das eindeutig ist. Im Heft habe ich das dann als total störend empfunden und einen Großteil der Fliesen wieder rausgelöscht … 

Wenn man durch deinen Shop blättert, findet man vor allem auch Gigposter. In der Gigposter-Szene ist ja „offiziell“ immer ein sehr wichtiges Wort – was bedeutet das da eigentlich?

Ich handhabe das so: Die Band muss es gut finden. Mir ist das wichtig. Manche lassen ihre Poster auch von der Venue oder von irgendeinem Veranstalter approven, für mich muss es die Band oder deren Management sein. Ein Gigposter zu machen ist für mich eine angenehme Kombination aus Freiheit und Deadline: Es gibt einen fixen Termin, weil der Gig ja irgendwann stattfindet, aber alles andere ist offen. 
Ursprünglich ging ich auf die Bands zu, aber mittlerweile schreiben mich Bands auch oft an, wenn sie ein Poster für ein bestimmtes Konzert wollen. Oder wie es ergibt sich, wie zum Beispiel mit Kvelertak, einer norwegische Metalband: Die sind vor einem ihrer Konzerte mal mit einem Freund von mir und ein paar Bier ins Inoperable gestolpert, als ich dort ausgestellt habe. Und seither bestellen sie sich immer wieder mal was; auf dem Weg sind auch einige meiner Plakate im Rockheim-Museum in Trondheim gelandet. 
Ein Nachteil bei Gigpostern ist, dass ich die Drucke selbst produziere und mich über meine Absatzkanäle um den Verkauf kümmern muss. Dabei trage ich die meistens die Kosten und das Risiko.  
Aber das Schöne ist: Es ist eine eigene Subkultur und ich hab ihm Rahmen von zig Ausstellungen Gigposter-Künstler und -Sammler aus der ganzen Welt kennengelernt. Ich hätte zusammen mit dem befreundeten Künstler Zellerluoid ja auch eine Ausstellung mit vielen internationalen KünstlerInnen im Wiener WUK organisiert – die haben wir jetzt mal auf Dezember verschoben.
Die Veranstaltungsflaute merkt man natürlich auch in der Gigposter-Szene, ohne Gigs keine Poster. Aber vielleicht wird’s ja rund um Streamingkonzerte was … 

»Ein Cover für Grateful Dead – so was hätte ich mir nie träumen lassen.«

Comics und Bücher sind ja nicht so gewinnträchtig, nehme ich an – was ist für dich geschäftlich wichtig?

Das sind natürlich Auftragsarbeiten. Zuletzt habe ich zB. für Dogfish Head – eine Craftbeer-Brauerei in den USA – gearbeitet, das hat sich sehr gut ergeben. Die brauen u.a. auch das offizielle Record Store Day-Bier, und über ein paar Umwege hatte ich dann auch die Anfrage, das Cover für eine neue Grateful Dead-Platte mit Aufnahmen aus dem Archiv zu machen – so was hätte ich mir nie träumen lassen. 
Zur Zeit lebe ich teilweise in Berlin, und seit ich dort bin, scheint es so, als ob ich mehr Anfragen für Aufträge aus Wien bekomme. Und Comics haben in Österreich wirtschaftlich keinen großen Stellenwert. Heuer war ich beim Festival in Angoulême – das ist eine ganz andere Dimension, da merkt man, dass wirtschaftlich schon was ganz anderes dahintersteckt. Ein Freund meint, das liegt daran, dass Kabarett in Österreich einen großen Teil von dem abdeckt, was anderswo Comics leisten. Da kann schon was dran sein. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass man mit Comics hier immer etwas Lustiges oder Kindisches verbindet, allein schon des Namens wegen. In Frankreich oder Italien, wo die Branche um einiges größer und erfolgreicher ist, heißt das ja auch anders: Bande dessinée  oder Fumetti, da lässt der Name nicht auf die Art des Inhalts schließen. Wenn ich erzähle, dass ich Comics zeichne, höre ich oft: „Oh ja, ich hab früher auch gern Comics gelesen. Aber mit 12 hab ich aufgehört.“ Aber niemand sagt: „Ich habe mit 12 aufgehört, Bücher zu lesen oder Filme zu sehen …“  

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El Herpez” und andere Comics von Michael Hacker gibt es im Süpermarkt. Gigposter, “Pizzeria Disgusto”, Sticker und vieles mehr gibt es auf michaelhacker.at.
(Credits Titelfoto: FM4)

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