Karl Fežak ist Ersatzman

Ein neuer Stern zieht über den Heftchen-Himmel und strahlt weit darüber hinaus. Karl Fežak, abgehalfterter Lokaljournalist und glückloser Geschäftsmann in verschiedenen Angelegenheiten, hat seine Finger in vielen Dingen. Und das geht selten gut. Karl Fežak ist Ersatzman – der, dessen Zeit niemals kommt, der, der nie an der Reihe ist. – Auszug aus „Virus“, Fežaks erstem Abenteuer, aufgezeichnet von Michael Hafner.
Ein neuer Stern zieht über den Heftchen-Himmel und strahlt weit darüber hinaus. Karl Fežak, abgehalfterter Lokaljournalist und glückloser Geschäftsmann in verschiedenen Angelegenheiten, hat seine Finger in vielen Dingen. Und das geht selten gut. Karl Fežak ist Ersatzman – der, dessen Zeit niemals kommt, der, der nie an der Reihe ist. – Auszug aus „Virus“, Fežaks erstem Abenteuer, aufgezeichnet von Michael Hafner.

Steckst du wieder in Schwierigkeiten?“ Albert erinnerte mich freundlicherweise gleich an meine missliche Lage während unserer ersten Begegnung. Er sah viel zu jung aus für einen ordentlichen Machatschek, wie man so sagt, und winkte mir aus sicherem Abstand zu. Wir hatten Polizisten und Antikörper-Schnüffler eben erst abgehängt und wollten sie nicht auf uns aufmerksam machen.

„Du weißt ja, worum es geht“, sagte ich ausweichend. Es waren schließlich nicht nur meine Schwierigkeiten.  

Albert drückte mir ein winziges Ding in die Hand. „Mikro und Empfänger“, sagte er. „Damit bleiben wir in Verbindung. Du wirst mich hören, wenn du das bei dir trägst.“ Er nickte mir zu. Das beruhigte mich nicht. Ich hatte ja meine Gründe, warum ich mich lieber von Menschen fernhielt. Aber manchmal gab es eben keine Wahl. Ich hatte kein gutes Gefühl und blieb allein damit zurück.  

„Du wartest hier“, sagte er zu mir wie zu einem Schuljungen. Mir war’s egal. Ich war kein Held. Und ich wusste, wohin er jetzt ging. Ich hatte sie lange beobachtet.  Sie waren heute da, ihre Autos standen wie immer ein paar Ecken weiter, ein Mercedes mit Camouflage-Folierung, ein hellrot glitzernder BMW, ein mattschwarzer Audi, manchmal waren es auch mehr.  

Der Weg führte durch das Café Treff, vorbei an der alten Theke, die auch dreißig Jahre nach einem generellen Rauchverbot in Cafés immer noch verraucht roch, auf die Damentoilette, dort musste man die Holzverschalung an der Rückwand zur Seite heben, dann öffnete sich eine schmale Tür zu einem kleinen Lichthof. Von dort durch einen Kellerabgang, durch den Keller in den nächsten Lichthof, dort saßen sie in einem fensterlosen Hinterzimmer. Spielten Karten, würfelten.

»Sie schlangen sich um ihre Opfer, die hilflos dastanden, so wie Verräter in alten Mafiafilmen, deren Füße in Trögen voll Beton steckten, bevor sie in nebligen Nächten in dunklen Flüssen versenkt wurden.«

In Zwingern unter dem Tisch, im Vorraum und in weiteren fensterlosen Hinterzimmern hielten sie ihre Mutanten. Es waren mutierte Viren, groß wie die Antikörper-Schnüffler der Sicherheitsdienste, aber ungleich gefährlicher. Sie schillerten grünlich, die Köpfe ihre kleinen Stummeltentakeln leuchteten rot.

Solange sie ruhigstellt waren, waren sie harmlos. Wenn nicht, dann …  Sie schlangen sich um ihre Opfer, die hilflos dastanden, so wie Verräter in alten Mafiafilmen, deren Füße in Trögen voll Beton steckten, bevor sie in nebligen Nächten in dunklen Flüssen versenkt wurden.  Die Gangs standen dann dabei und sahen zu. In einer Zeit, als es schon lange nicht mehr genug Lungenmaschinen gab, wollte niemand den Mutantenviren begegnen. Alle zahlten den geforderten Preis. Solange sie noch zahlen konnten. Alle wussten es. Aber niemand hatte einen Plan.  

Wenn die Viren ihren Job erledigt hatten, injizierten die Gangs ihnen dieses Serum aus ihren Betäubungspistolen. Dann waren sie für ein paar Stunden zahm. Sie konnten sie an die Leine nehmen und wie friedliche sattgefressene und müde Pitbulls zurück in ihre Käfige bringen. Die Viren mussten täglich zu fixen Zeiten mit einer Dosis dieses Serums sediert werden. Und genau dieses Serum brauchte mein Freund Fred für seine Forschungen. Er war überzeugt davon, erfolgreiche Tests absolviert zu haben.

Jetzt brauchte er mehr davon.

»Ihre einst wohl nachgebesserten Lippen waren noch immer so prall, dass es schien, als trügen sie wie Heißluftballone ihre sonst welke Gestalt

Während im Schanigarten des Café Treff ältere Männer in Adiletten saßen, immer wieder verstohlen den Sitz ihrer pechschwarz oder dunkelrostrot gefärbten Toupets prüften und Kaffee und Schnaps tranken, unterhielten die Gangs tief im Innern des alten Mietshauses mit seinen vielen Lichthöfen ihre Labors und Zwinger. Hinter der Theke saß indessen tagein tagaus diese ältere etwas kräftigere Dame mit starkem Make-up, die nur dann ihren Platz verließ, wenn sie vor der Tür eine Zigarette rauchte.  Ihre einst wohl nachgebesserten Lippen waren noch immer so prall, dass es schien, als trügen sie wie Heißluftballone ihre sonst welke Gestalt, als hing ihr eigener Körper buchstäblich an ihren Lippen, die im Gegenzug immer davon, immer nach oben schweben wollten, weg von hier. Sie trug Pantoffeln mit Plüschbesatz; wenn es kälter wurde, warf sie zum Rauchen einen Bademantel über ihre Hotpants.

Damit wir uns verstehen: Die Gangs hatten die Viren nicht in die Welt gesetzt, sie hatten die Pandemie nicht erfunden. Für sie war es nur eine Geschäftsgelegenheit wie viele andere auch, wie Drogen, Waffen oder Prostitution. Deshalb setzte ich auch darauf, dass sie gesprächsbereit sein würden. Ihr Anteil musste nur hoch genug sein. Mein Freund Fred war allerdings kein guter Geschäftsmann. Und ich natürlich auch nicht.  

Ich stand auf der anderen Straßenseite und versuchte, so unbeteiligt und sorglos wie möglich zu wirken. Früher hätte man Zeitung gelesen. Später hätte man an seinem Smartphone rumgefingert. Aber heute hinterließ ja kaum etwas mehr Spuren, geradezu Alarmsignale, als diese verdammten Dinger. Was auch immer man damit machte – man konnte sicher sein, beobachtet und ausspioniert zu werden, man zog neugierige Scanner aller Arten auf sich. Also auch nicht das Mittel der Wahl, um unbeobachtet zu bleiben. Ich hätte gerne geraucht. Aber ich erlaubte mit nur noch alle paar Tage zwischendurch einen Nikotinkaugummi für die Nerven. Man wird älter.  

Mein Sorgenlevel stieg. „Der Junge ist zu lang da drin“, dachte ich, dann kamen sie raus. Albert und drei Gang-Mitglieder, sie alle hatten dichte Bärte, Kappen, Pilotenbrillen. Und sie trugen diese seltsamen Hosen, Army-Style, Gummibund um die Knöchel und verstärkte Knie. Vielleicht, damit man keine wunden Knie bekam, wenn man beim Spielen mit der Modelleisenbahn auf den Knien rutschte, ich hatte mich das immer schon gefragt.  

„Du kommst mit“, Albert sprach mich einfach direkt an. Ich hätte mich gar nicht bemühen müssen, unauffällig zu sein, sie hatten mich ohnehin die ganze Zeit im Visier.

»Wir fuhren also zum Labor. Das machte mir Angst. Ich wollte Fred da so lange wie möglich raushalten.«

Dann kam ein vierter. Er hatte einen ganzen Trupp der Mutantenviren an der Leine, fünf, sechs, ich konnte es nicht so genau sagen. Sie drängelten, überholten einander. Ich hatte noch immer keine Worte dafür, wie sich diese Kreaturen ohne Beine und ohne Gesichter bewegten. Mein Herz sank noch tiefer. Ich hatte es schon gar nicht mehr in der Hose. Vielleicht war der Gummibund ihrer Hosen ja auch dafür gut: dass einem das Herz wenigstens nicht aus der Hose rutschte.  

Sie deuteten mir, einzusteigen. Ich landete in dem Camouflage-Mercedes, Albert musste in dem mattschwarzen Audi sitzen. Es waren diese Autos, die schon beim Anlassen des Motors vor Kraft zu platzen schienen und bei jeder Berührung des Gaspedals protzig knatterten. Putzig.  

Und plötzlich hörte ich Alberts Stimme, als säße er neben mir. Er hatte seinen Sender aktiviert, es fühlte sich an, als würde er in meinen Gedanken reden. „Sie sind interessiert“, sagte er. „Aber sie wollen es sehen. Sie wollen wissen, was dein Freund hat, das sie nicht haben.“  

Wir fuhren also zum Labor. Das machte mir Angst. Ich wollte Fred da so lange wie möglich raushalten.  „Keine Sorge“, Albert konnte wohl nicht nur in meinen Gedanken reden, er konnte sie auch lesen. „Ich habe ein Team alarmiert. Wenn sie auf Ärger aus sind – wir sind bereit. Und sie haben einige ihrer aggressivsten Mutanten dabei. Das ist ein gutes Zeichen, sie sind neugierig.“  

Ich muss zugeben: für ein paar Momente genoß ich die Fahrt in diesem lustigen Auto. Ich saß auf der Rückbank, Musik wummerte, das Auto glitt seidenweich dahin.  

Und für ein paar Momente dachte ich wohl auch, diese Geschichte könnte gut ausgehen …

“Virus” ist die Nullnummer der Ersatzman-Serie. Das Heft im es im Süpermarkt, “Dämonen”, das erste reguläre Heft, erscheint im Herbst 2020.

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