Menschenattrappen

Erzählung von Erik R. Andara
Erzählung von Erik R. Andara

Ein unrhythmisches Pochen knapp über dem Becken reißt mich aus dem Schlaf. Ich kann fühlen, wie meine Haut jetzt wieder an der Wunde zerrt, sie möchte sich von der unnatürlichen Spannung befreien, in der sie die lange Naht gefangen hält. Ich versuche, mich auf die Seite zu drehen, aber selbst diese simple Bewegung stellt sich als gar nicht leicht heraus. Lautes Lachen erklingt, während ich äußerst vorsichtig und behäbig zugange bin. Wie ein großer Käfer, der hilflos in Rückenlage auf dem Sofa gestrandet ist. Im Fernsehen läuft die Wiederholung irgendeiner Serie im hundert Mal durchgekauten Vormittagsprogramm und begleitet meine steifen Zeitlupenbewegungen mit ihrem hohlen Geplapper. Habe ich selber die Lautstärke so hochgedreht, bevor ich eingeschlafen bin? Ich kann mich nicht daran erinnern.

„Sybille?“, rufe ich. Ihr Name geht mir mittlerweile wie ein Reflex über die Lippen; ohne sie bin ich hilflos, wie ich mir eingestehen muss. Nicht, dass mir diese Vorstellung sonderlich munden würde.

„Ja?“, höre ich es über den Wohnungsflur schallen. Es klingt, als käme ihre Stimme aus der Küche.

„Wie spät ist es?“ Mein Gaumen ist trocken und rau wie Schmirgelpapier.

„Da ist eine Uhr direkt über dem Fernseher, Clemens. Warum siehst du nicht selber nach?“

»Die Medikamente liegen in Griffweite, aber ich fürchte sie.«

Deutlich ist die Ungeduld aus ihrer Stimme zu hören, dabei ist es erst der dritte Tag dieser Tortur. Schätze ich jedenfalls. Bei den unzähligen Stunden, die ich derzeit verschlafe, ist Zeit zu einer überaus abstrakten Sache verkommen. Bis zu vier Wochen kann es dauern, bis ich wieder Einigermaßen mobil sein werde. Zumindest, wenn man Dr. Soblowsky glauben möchte. Und so skeptisch ich diesem Berufsstand seit all der Pfuscherei, die sie nach dem Unfall mit meinem Körper veranstaltet haben, auch gegenüberstehe – in diesem Punkt bleibt mir nichts anderes übrig, als mich seiner Einschätzung zu ergeben. Es fühlt sich nicht so an, als würde ich in der nächsten Zeit dazu in der Lage sein, auf meinen eigenen Beinen zu stehen.

Irgendwann habe ich es geschafft, mich auf die rechte Schulter zu wuchten und glotze nun auf den Bildschirm, wobei ich standhaft (haha) versuche, den Schachtelturm am Beistelltisch zu ignorieren. Ist das Love-Boat, was da gerade läuft? Die Medikamente liegen in Griffweite, aber ich fürchte sie. Besser gesagt: Ich fürchte mich vor mir selbst und meiner Abhängigkeit von den kleinen blauen Tabletten, die momentan mein Leben bestimmen. Dabei konzentrieren sich meine größten Sorgen darauf, dass sie plötzlich nicht mehr wirken könnten, weil ich mich an sie gewöhnt habe. Dass mich der Schmerz, wenn es erst einmal dazu kommt, so gründlich aus meinem Körper zu schälen vermag, als sei ich niemals da gewesen. Was ich dann tun würde?

»Die Tabletten, die zu einer fixen Tageszeit geschluckt werden müssen, stellen kein Problem dar. Sondern die mit der Aufschrift „bei Bedarf“ sind es, die mir eine Heidenangst einjagen.«

Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Darum zögere ich ihre Einnahme hinaus, um sicherzustellen, dass sie reichen, dass sie mir möglichst lange eine verlässliche Waffe gegen den unermüdlich anlaufenden Feind bleiben. Ein adrett gekleideter Herr mit windzerzaustem grauem Haarschopf wandert im Fernsehen eine Reling entlang. Immer wieder wird das stark geschminkte, faltige Gesicht einer Dame mit übergroßen Sonnenbrillen eingeblendet. Ich habe keine Ahnung, worum es geht. Möwen schreien im Hintergrund. Die Tabletten, die zu einer fixen Tageszeit geschluckt werden müssen, stellen kein Problem dar. Sondern die mit der Aufschrift „bei Bedarf“ sind es, die mir eine Heidenangst einjagen. Wie man es einem Mann in meiner Situation aufbürden kann, so etwas zu entscheiden, werde ich nie verstehen. „Bei Bedarf“, das hieße in meinem Fall: immer – jede gottverdammte Minute jedes beschissenen Tages, die ich dazu gezwungen bin, auf diesem Sofa zu liegen und wehrlos die Welt an mir vorüberrasen zu lassen; die ich nichts zu tun habe, außer dem Kreischen in meinem Inneren zu lauschen. Die sonnenbebrillte Dame im Fernsehen setzt sich nun ebenfalls in Bewegung. Es sieht aus, als würde sie dem älteren Herrn hinterherschleichen. Ich schiele zum Schachtelturm. Die kleinen blauen Tabletten in der züchtigen weißen Kartonage, die demütig ganz zuunterst in dem Stapel liegt, sind meine Tür auf die andere Seite. Dorthin, wo es angenehm still und überaus dunkel ist.

Noch stecken sie sicher verschlossen hinter Laschen, aber die blauen Tabletten werden mein Untergang sein, so wahr ich hier liege.

Der grauhaarige Herr verschwindet unter Deck, die Dame mit den Sonnenbrillen wirkt ratlos. Sybille hatte recht. Da ist tatsächlich eine Uhr über dem Fernseher. Jetzt, wo ich sie vor mir sehe, fällt es mir wieder ein. Es ist noch nicht einmal elf Uhr vormittags. Ich hätte schwören können, dass es später ist. Stumpfes Tageslicht kriecht durch die geschlossenen Jalousien, bietet aber keine sonderlich hilfreiche Unterstützung dabei, mich zeitlich zu orientieren. Und der triste Brei, der sich Fernsehprogramm schimpft, weiß mich ebenso wenig in der Realität zu verankern. Das unvertäute Boot, in dem mein Bewusstsein vor sich hintreibt, ist somit dem gezeitenlosen Schwappen rund um die Couch hilflos ausgeliefert. Heute Morgen erst habe ich mich dabei ertappt, wie ich gedankenverloren den Darlegungen der einzelnen Produktionsschritte von Radiergummis beigewohnt habe. Keine Ahnung, wie lange ich mir das angesehen habe, ehe mir klar wurde, worum es eigentlich geht.

»Ich lasse meine Hand behutsam unter der Decke hervorkrabbeln; eine fünfbeinige Spinne auf Beutezug.«

Als die Frau im Fernsehen die Sonnenbrillen absetzt und darunter breite Tränenspuren entblößt, die aber ihrem akkurat gesetzten Lidstrich nichts anhaben können, entscheide ich spontan, dass ich das nicht mehr sehen will, und lasse meinen Blick auf der Suche nach der Fernbedienung über den Tisch streichen. Ich finde sie direkt vor mir – keinen halben Meter entfernt. Während ich noch akribisch die Armbewegung plane, mit der ich mir die Fernbedienung zu angeln gedenke, höre ich Sybille klappernd in der Küche hantieren. Habe ich selbst die Fernbedienung dort hingelegt? Ich müsste lügen, um diese Frage zu beantworten. Ja. Wahrscheinlich ja. Vielleicht hat sie mir aber auch Sybille im Schlaf vom Leib geklaubt, damit sie nicht am Boden landet. Das Scheppern der Töpfe lässt meinen Magen knurren. Mein Appetit funktioniert Gott sei Dank einwandfrei. Es ist also noch nicht alles kaputt an mir.

Ich lasse meine Hand behutsam unter der Decke hervorkrabbeln; eine fünfbeinige Spinne auf Beutezug. Im Fernsehen küssen sich zwei Menschen, zwei neue Gesichter, deren Auftritt ich offenbar verpasst habe. Ich muss mich jetzt auch wahrlich auf Wichtigeres konzentrieren. Meine Finger verruhen kurz an der Sofakante, um ihre Kräfte zu sammeln. Dann springen sie ab und überqueren in einem Kraftakt den Abgrund, der sie von der Tischplatte trennt – dabei ist mir schmerzhaft bewusst, dass sich sogar die kleinste Unachtsamkeit bitter rächen würde. Wo sind die Zeiten, als ich ohne einen einzigen Gedanken über die Konsequenzen auf meinem Mountainbike jeden noch so steinigen Abhang hinabbrettern konnte. Ach ja, genau: Darum liege ich jetzt auch hier.

Meine Hand landet. Der grauhaarige Mann kassiert eine Ohrfeige. In einer engen, holzgetäfelten Kajüte stehen sich zwei Frauen gegenüber. Ich erkenne nur eine davon wieder – die Sonnenbrillenfrau. Irgendetwas ist inzwischen geschehen, das den Lidstrich der Dame doch noch zu zerstören vermochte; dicke schwarze Spuren laufen unter den dunklen Gläsern hervor. Ich kann mich jetzt nicht darauf konzentrieren, ich muss weiter (haha). Meine Hand liegt noch gefährlich nahe an der Tischkante; sie an den Boden zu verlieren würde heißen, dass der Dorn, der momentan noch streit-süchtig aber ohne konkreten Ansatzpunkt unter der Haut meines Rückens hin und her gleitet, eine Bresche finden könnte, gegen die er endlich seine Attacke rennen kann. Ja, mein Rücken ist ein Schlachtfeld, auch wenn Sybille nur ein kühles Lächeln für mich übrig hat, wenn ich das laut ausspreche. Ich befinde mich im Krieg. Ich gegen mich. Sogar wenn ich das denke, klingen die Geräusche des Messers, das meine Frau in der Küche über das Schneidebrett führt, plötzlich aufgebracht. Noch rieche ich nichts, kann also nicht wissen, was sie kocht.

Es sind jetzt nur noch zwei Menschen auf dem Bildschirm zu sehen. Sie befinden sich wieder an Deck. Dünne Wolken treiben vorüber. Die Sonnebrillenfrau weint immer noch. Der grauhaarige Mann schaut sie böse an. Die Handspinne erreicht ihr Ziel, und das Gefühl des glatten Plastiks unter meinen Fingerkuppen beruhigt mich ungemein. Die Spinnenglieder ordnen sich neu, transformieren sich wieder zu meiner Hand, die sich dankbar an die Fernbedienung schmiegt; keine zwanzig Zentimeter von der Medikamentenschachtel entfernt. Ja genau: DER Medikamentenschachtel.

„Willst du frischen Koriander ans Lammfleisch?“ ritsch-ratsch-ritsch-ratsch

„Koriander? Ja, ich mag Koriander!“

„Mit viel Knoblauch, wie üblich?“

„Bitte, gerne, danke, nett dass du an mich denkst!“

„Okay.“ ritsch-ratsch-ritsch-ratsch

Schnitt. Wer hat da gesprochen? Ich? Meine Hand ruht plötzlich auf dem Kissen neben mir. Sie hat es ohne mein bewusstes Zutun geschafft, zu mir zurückzukehren. Meine Lippen – ich habe ja meine Lippen bewegt, nicht meine Hand. Die Hand kam scheinbar von selbst, die Fernbedienung darin. Und daneben prangt der kleine Karton, der eigentlich das unterste Bauelement des Turms sein sollte. Das wollte ich nicht. Aber der Turm ist gefallen, wie ich jetzt sehe. In meinem Rücken pulst es aufgeregt. Die nächste Schlacht ist nicht weit. Ich bin jetzt gerüstet.

»Noch so eine Sache, die mir den steten Unmut von Sybille einbringt – meine Theorien über die Agenda, die dieser Chirurg verfolgt.«

„Du hast etwas vergessen.“ Der grauhaarige Mann trägt ein schiefes Grinsen. Er sieht mich an.

„Nein falsch, DU hast etwas vergessen.“, höre ich mich murmeln. Ich meine damit gar nicht den grauhaarigen Mann im Fernsehen, ich meine Doktor Soblowsky. Noch so eine Sache, die mir den steten Unmut von Sybille einbringt – meine Theorien über die Agenda, die dieser Chirurg verfolgt. Jetzt, wo ich mich darauf konzentriere, stelle ich fest: Irgendwie sieht der Grauhaarige im Fernse-hen ihm ähnlich. Mehr als das – es handelt sich dabei tatsächlich um ihn. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich das erkannt habe, aber meine Sicht ist vom schwachen Kreislauf getrübt. Doktor Soblowsky legt der Dame, unter deren Sonnenbrillen jetzt ein ergiebiger schwarzer Quell hervor-sprudelt und eine schmierige Spur hinab über ihre Wangen, den Hals und die Schlüsselbeine zieht, mitfühlsam seine eleganten Chirurgenhände auf die Schultern. Trägt die Frau hinter den Gläsern überhaupt noch Augen oder hat Doktor Soblowsky sie ihr bereits genommen? Ich muss besser aufpassen, ich habe scheinbar einen wichtigen Teil der Handlung verpasst.

Die Kamera schwenkt an dem steif dastehenden Paar vorbei, fährt weiter durch den strahlend blauen Himmel. Dessen Ränder werfen indes in allen Ecken deutlich Blasen. Es sieht aus wie Lack, der sich abschält. Der Untergrund ist dunkel. Das Firmament erweist sich in Nahaufnahme als billige, alte Studioattrappe. Die entblößende Kamerafahrt war schlecht inszeniert, darauf hätte man wirklich achten sollen. Ich verliere schlagartig das letzte bisschen Interesse und wechsle den Kanal; lasse Doktor Soblowsky hinter mir, bevor ich seine Hand wieder qualvoll an meiner Wirbelsäule herumspielen fühle. Hin und wieder tut er das noch. Ich bin mir sicher, dass ein Teil von ihm noch immer in mir steckt. Auch so ein Thema, von dem Sybille nichts mehr hören will. Vielleicht liegt es ja auch gar nicht an den Themen, die mich so beschäftigen. Vielleicht gründet die Abneigung, die sich jetzt immer öfter unter ihrer teilnahmsvollen Fassade hervorplatzt, auch einfach an mir. An dem, wozu ich nun unausweichlich werden muss, nachdem Doktor Soblowsky mich in die Finger bekam…

Der Duft von schmorendem Knoblauch steigt mir in die Nase. Aus der Küche dringt das Brutzeln von Öl. Sybilles Messer schweigt wieder. Lamm, sie hat eben noch von Lamm gesprochen, oder? Ich mag Lamm. Hoffentlich macht sie ihre vorzüglichen Bratkartoffeln dazu. Ich setze gerade dazu an, ihr die Frage danach zuzurufen, als heller Schmerz – unvorhergesehen aber natürlich nicht unerwartet – die Nervenstränge in meinem Rücken erzittern lässt wie den kräftig angeschlagenen ersten E-Gitarren-Akkord eines Heavy-Metal Konzerts. Ein qualvolles Stöhnen wischt mir die Frage nach den Bratkartoffeln von den Lippen. Im Fernsehen läuft MTV. Doktor Soblowsky tanzt in Nahaufnahme am Bildschirm herum – er spielt Leadgitarre auf einer riesigen Bühne. Umringt von den langhaarigen, tätowierten Mitgliedern einer Heavy-Metal-Band. Doktor Soblowsky versinkt ekstatisch in einem nervenzerfetzenden Solo. Für mich, nur für mich. Eine Nahaufnahme enthüllt den bloßliegenden Stecker, der eigentlich am Verstärker hängen sollte. Aber so etwas braucht Doktor Soblowsky nicht, er hat ja jetzt mich. Ich denke, nein ich weiß, es ist an der Zeit, eine der Tabletten zu nehmen. Ich verspüre jetzt den Bedarf.

„Hast du mich gerufen, Schatz?“

LAUT! VIEL ZU LAUT!

„Wo hast du denn die Fernbedienung?“

„ICH WEISS ES NICHT!“

„Sie liegt genau neben dir, Clemens! Dreh bitte leiser! Ich kann überhaupt nicht verstehen, was du sagst!“

Ich blicke Sybille an, stelle mich der Verachtung, mit der sie mich bedenkt.

„Warte nur“, sage ich. „Warte, bis Soblowsky dich ebenfalls in die Finger bekommt. Dann verstehst du vielleicht.“

Wortlos wendete sie sich ab von mir, kehrt in die Küche zurück, wo gleich darauf wieder der auf-gebrachte Klang des Fleischmessers erklingt.

ritsch-ratsch-ritsch-ratsch

„Du weißt schon, Clemens, dass der Doktor in einer Stunde kommt, um nach dir zu sehen. Vielleicht überdenkst du deine Einstellung bis dann. Er macht extra Hausbesuche für dich.“

Ich erkenne den Fehler, den ich gemacht habe.

Sybille gehört längst schon ihm.

Schnitt.

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Erik R. Andara ist Autor in Wien. Zuletzt erschien “Im Garten Numen”, demnächst kommt der Erzählband “Hotel Kummer”.

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