»Die morbide Seite ist meine«

Andreas Joska ist Maschina Graphic Engineering. Und der Name ist natürlich Programm. Joska experimentiert mit Drucktechniken, neuen Verfahren und hat es gern, wenn es praktisch und schmutzig wird.
Andreas Joska ist Maschina Graphic Engineering. Und der Name ist natürlich Programm. Joska experimentiert mit Drucktechniken, neuen Verfahren und hat es gern, wenn es praktisch und schmutzig wird.

“Ich habe irgendwann festgestellt, dass ich zum Zeichnen zu wenig Geduld habe. Ich weiß, was mir alles fehlt, wieviel mehr andere können – da kommt mir das Drucken super entgegen. Wenn die Zeichnung dann noch in eine Druckplatte geschnitten werden muss, dann denk ich mir: Wurscht, ob der Strich jetzt perfekt ist, das wird dann eh nochmal anders.”

Beim Drucken erleben dank neuer Technologien alte Verfahren ihre Renaissance. Manche schwören auf Risographie als Gegenpol zu glatten und perfekten Foldern und Flyern, die für kein Geld überall online produziert werden können, andere setzen auf noch mehr Handarbeit. Joska schwört vor allem auf seine Open Press. Das Open Press Project veröffentlicht Pläne für 3-D-Drucker, mit denen für wenige Euro Materialkosten eigene Druckerpressen gedruckt werden können.

»Ich nenne das Brazygraphie. Brazy – das ist eine Stufe mehr als crazy. «

“Die Open Press erzeugt so einen hohen Druck, dass damit auch Tiefdruck funktioniert. Linolschnitte drucken ist ja einfach, beim Hochdruck bekommt man auch mit Schraubklemmen schon genug Druck, damit das Papier die Farbe gut aufnimmt. Aber mit höheren Druck hat man viel mehr Möglichkeiten. 
Ich liebe das Handwerkliche und Experimentelle beim Drucken, das hat für mich schon ein bisschen was von Alchemie. Man kann immer etwas neues ausprobieren und bekommt immer neue Ergebnisse. Ich arbeite zum Beispiel auch an T-Shirts mit Decalcomanie, also Abklatschdruck. Also eigentlich sind die Shirts dann Rohrschachtests. Ich habe einen Weg gefunden, wie ich die Rohrschachmuster beeinflussen kann, ich nenne das Brazygraphie. Chromatographie finde ich auch faszinierend, also die Aufspaltung von Farben oder Farbstoffen auf verschiedenen Materialien – da kann ich endlos experimentieren.” 

Joskas Begeisterung für Druckverfahren schlägt sich auch in der Familie nieder. Einige Drucke sind gemeinsam mit seinen Kindern entstanden, die Hintergründe malen oder Motive aus ihrer Phantasie vorgeben. 

»Neue Zielgruppen habe ich mir von ‘Better Call Saul’ abgeschaut: Altersheime.«

“Gerade die Open Press ist auch für Kinder ideal. Beim Linolschnitt arbeitet man mit Messern – das ist im Kindergarten gefährlich. Aber die Open Press erzeugt so hohen Druck, dass man ganz andere Möglichkeiten hat. Da bekommt man zum Beispiel auch beim Milchpackerldruck tolle Ergebnisse. Beim Milchpackerldruck werden Motive in die Innenseite von Tetrapacks geritzt, das funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie Radierungen. Ich überlege gerade, Workshops für Schulen und Kindergärten zusammenzustellen. 
Eine andere Zielgruppe habe ich mir von “Better Call Saul” abgeschaut: Altersheime. Ich möchte mit der Open Press mit alten Leuten arbeiten. Und dabei vor allem auch alte Drucker kennenlernen – drucken war ja lange Zeit ein aussterbendes Handwerk, ich hoffe, dass ich da noch viel lernen kann.” 

Joska ist seit Anfang des Jahres (wieder) selbstständig. Davor war er lange Jahre Art Director im Katalogdesign. 

“Es hat sich ergeben. Es haben sich mehr und mehr eigene Projekte angesammelt und ich habe immer weniger Lust gehabt, in der Werbung zu arbeiten. Zum Glück brauch ich nur wenig Geld … Jetzt fahre ich einen Mittelweg zwischen Auftragsprojekten und eigenen Produktionen.” 

Eigene Projekte sind zum Beispiel das Kartenset „Cardemonium“, das Joska 2019 über eine Kickstarter-Kampagne finanzierte. 

“Ursprünglich wollte ich das ja komplett als Linolschnitt produzieren. Aber dann hat sich schnell herausgestellt, dass die Linoldruckfarbe nicht abriebfest ist – also beim Mischen hat man immer die Farbe von den Karten gemischt. Deshalb sind es dann doch traditionell gedruckte Karten geworden. 
Und natürlich habe ich, wie alle, die zum ersten Mal crowdfunden, viel zu spät mit dem Marketing begonnen und den Aufwand total unterschätzt. Was das Projekt dann gerettet hat, war die Idee, personalisierte Joker-Karten anzubieten: Unterstützer konnten sich als Joker im Kartenspiel porträtieren lassen. Damit – und mit einem Deal mit einem Spielehändler – ist dann etwas schneller mehr Geld reingekommen.” 

Die Motive im Kartenspiel sind wie der Name schon verspricht düster und dämonisch. Das zieht sich auch durch andere Arbeiten Joskas – Chtulhus, Monster, Totenköpfe sind recht präsent. 

»Wenn ich ein Monster entwickle, dann braucht das eine ganze Geschichte, noch bevor ich den ersten Strich mache. «

“Ja, die morbide Seite ist irgendwie meine. Ich finde daran vor allem das Konzeptive spannend. Natur zu zeichnen oder gegenständlich zu zeichnen ist eine toll Übung, aber ehrlich gesagt denk ich mir dann auch: Da kann ich ja gleich ein Foto machen. Aber wenn ich ein Monster entwickle, dann braucht das eine ganze Geschichte, noch bevor ich den ersten Strich mache. Ich muss wissen: Wovon ernährt es sich, ist es ein Fleischfresser oder ein Pflanzenfresser, wo lebt es, hat es Feinde, was sind seine Stärken. 
Das ist dann alles Teil eines Bildes, da steckt eine Geschichte drin, wenn es schlüssig und durchdacht ist. Und ich denke, die merkt man dann auch, das Bild erzählt eine Geschichte, das setzt etwas in Gang. Zumindest gehts mir so, wenn ich gut konzipierte Monster anschaue.
Und andersrum: Das Unbekannte ist ja immer monströs. Wenn man also quasi Gott spielt, indem man ein neues Lebewesen entwirft, landet man schnell beim Unheimlichen, weil Menschen Unbekanntes eben recht schnell auch unheimlich finden.”

Ein potenzielles Lebenswerk von Andreas Joska ist „Kein Mampf“. Seit 2016 zerschneidet er eine Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“ in einzelne Buchstaben und setzt sie in Kochrezepten wieder zusammen. 

“2015 ist ja das Copyright von „Mein Kampf“ ausgelaufen, da waren einige Neuauflagen oder andere Projekte in den Medien. Ich habe nach einem anderen Umgang gesucht. Beim Rumspielen ist mir der Schüttelreim eingefallen – und dann war für mich sofort klar, dass es ein Kochbuch werden sollte. Kochbücher sind unpolitisch, das wäre das perfekte Ende für „Mein Kampf“: atomisiert und in etwas ganz anderes verwandelt. Außerdem schneidet man beim Kochen auch Zutaten, mischt sie durcheinander, ordnet sie neu – und dann kommt hoffentlich etwas Gutes raus. 
Das Buch hat allerdings doch eineinhalb Millionen Buchstaben und an einem Rezept sitze ich bald mal zwei Tage. Das Projekt wird mich also noch einige Zeit begleiten … “

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Cardemonium-Karten, Drucke und Kein Mampf-Rezepte gibt es im Süpermarkt. Die Drucke kommen aus der Open Press; die Rezepte gibt es als Originale oder digital als Druckvorlagen für A3-Poster. Aus dem Erlös wird die weitere Arbeit am Projekt finanziert; wer mehr unterstützen oder Rezepte vorschlagen will, kann das auf Patreon tun. Dort gibt es auch immer wieder Verlosungen von Originalen oder neue Downloads.

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Michael Hartinger ist Gamedeveloper, Projektleiter, so etwas wie der Säulenheilige der Indiegame-Szene in Wien und produzierte die buntesten Pixelart-Games.

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