»Des Heisl hot Hunga!«

Tätowierer, Hausmeister, Maler, Comiczeichner, Death Metal-Gitarrist – Robert Spiess hat ein ziemlich vielfältiges Oeuvre. Eines sticht aktuell besonders heraus – die „Encyclopedia Latrinae“, das große Buch des Heisls …
Tätowierer, Hausmeister, Maler, Comiczeichner, Death Metal-Gitarrist – Robert Spiess hat ein ziemlich vielfältiges Oeuvre. Eines sticht aktuell besonders heraus – die „Encyclopedia Latrinae“, das große Buch des Heisls …

Wie lang hat dich das Große Buch des Heisls beschäftigt, woher kommt das Interesse für ein, naja abgründiges Thema?

“Das Große Buch des Heisls ist eine Weiterführung der Heisl-Strips, die ich für das Stark!Strom Magazin entwickelt hatte, wo sie dann ein Jahr lang regelmäßig erschienen.
Rund um die Strips stieß ich bei der Ideensuche auf so viele lustige und absurde Fakten zum Thema, dass mir nichts anderes übrigblieb als diesen Wissensschatz in Form der EnzyKLOpädie an die Menscheit weiterzureichen. Ich habe noch mal drei Monate Arbeit angehängt und das Buch dann im März 2019 herausgebracht. Und ich bin nicht besessen von Heisln, das Ganze wurzelt eher in einem Song, den ich Mitte der 90er geschrieben habe: “Des Heisl hot Hunga!”

In dem Song ging es darum, dass das Heisl keine Lust mehr hat, als letztes Glied der Nahrungskette nur menschliche Ausscheidungen abzubekommen, sondern nun gleich den ganzen, auf ihm sitzenden Menschen auffrisst. „’s Heisl wü a amoi wos Uandlichs haum / am best’n a Schnitzl von dia / vielleicht schoffst das no, dass’d do wegga kummst / du host nur an Meta zua Tia …“
Deswegen hat es im Comic auch Zähne.
Manche haben schon damals einen sozialkritischen Hintergrund erkannt, haha! Der Song unserer damaligen Band Sardonyx steht auch noch online, Deathmetal mit Wiener Mundart. Da sieht man wieder mal wie diese Jugendmusik, genau wie Comics, den Menschen verdirbt…Tstsss!

Sardonyx 1997 – Dvorak, Spiess, Lenhardt

 

Was hat dich zum Klo gebracht, woher kommt die Vorliebe für das Eklige?

“Das Eklige ist eigentlich nicht mein zentrales Thema, eher das Abgründige des Menschen, besonders in meinen Comix. Zur Zeit arbeite ich hauptsächlich an Comic-Kurzgeschichten, die ein bisschen an die Tradition der alten EC-Comics anschließen, also schwarzhumorig, pseudomoralisch, und mit meist tödlichem Ende – so wie das Leben eben. Bei EC sind ja zum Beispiel Tales from the Crypt erschienen.
Dabei gehe ich auch zurück zu meiner alten Technik: Ich arbeite nur analog, mit Tusche, Feder und Pinsel, meist schwarzweiß. Am Computer mache ich dann lediglich Druckkorrekturen.
Unter dem Titel “Tiafe Gschichtn”, was nebenbei bemerkt der Titel des Sardonyx-Demos 97 war, haben wir nun auch ein Magazin am Start, in dem ein paar sehr gute Zeichner mit mir diesen Themensumpf des Abgründigen und Obskuren durchwaten. Und wir passen höllisch darauf auf, nicht unerwartet in faden Treibsand zu geraten. “

»Ich mag Comics schwarzhumorig, pseudomoralisch, und mit meist tödlichem Ende – so wie das Leben eben.«

Was kann man sich von „Nervösterreich“ erwarten? Und wann wird es so weit sein?

“Tiafe Gschichtn, Comix aus Nervösterreich!”ist nach zwei erfolgreichen Testnummern mit der offiziellen Nummer 1 am Start! Wir haben Material und frisches Blut von neun Top-Leuten im Eiskasten, alles dabei, von dunkellustig bis endböse!
Eigentlich wollten wir die Nummer im März 2020 bei der Vienna Comix präsentieren, doch dann kam dieser Ausnahmezustand dazwischen! Jetzt nutzen wir die Zwangspause um das Heft noch absurder, boshafter und unwiderstehlicher herzurichten – so wie eine Zombiebraut, die in ihrem Brautkleid auf die Hochzeit wartet und dabei weiter reift oder eben verwest. Heiraten ist ja momentan, genauso wie beerdigt werden, nur eingeschränkt möglich, ich hab gehört, dass man in Kirchen nun statt Weihwasser Desinfektionsmittel anbietet! Wir warten also noch ab, um im richtigen Moment zurückzukehren … vermutlich im Herbst! Dann gibt’s wieder eine frische Ladung tiafsten Humor auf höchstem Niveau!”

»Wenn ein Heft fertig gezeichnet war – immer 20 Seiten – ging es zum Witte beim Naschmarkt ans Kopieren. Dann mit 10 Kilo Papier nach Hause, ordnen, heften.«

In den 80er Jahren gab es schon mal einen Vorläufer dazu – wie ist das gelaufen, wer war damals dabei? Und wie haben sich deine Themen seither entwickelt?

“Die 80er Sache ist ja nun wirklich oldschool! Von ca. 85 bis 88 machte ich das Schundheftl “Furz-Comix aus Nervösterreich!”, es gab fünf Ausgaben. Anfangs war das ein Mix aus Undergroundcomix, Cartoons, Collagen – alles nur von mir. Nummer 4 und 5 waren dann mehr Horrorstories, auch nach Storyvorlagen von Freunden, daher das letzte auch “Verlies des Grauens” betitelt, wieder eine Reverenz an EC.
Wenn ein Heft fertig gezeichnet war- immer 20 Seiten- ging es zum Witte beim Naschmarkt ans Kopieren, die waren am billigsten. Dann mit 10 Kilo Papier nach Hause, ordnen, heften. Darauf ein paar Wochen, abends mit der Tasche in die Cafehäuser. Zwischen Amerling und WUK verkaufte ich die Dinger um 20 Schilling. Öfter hörte ich die Begrüßung: “Ah – endlich ein neues Furz-Comix!”… ich hatte da nettes Stammklientel und viele interessante Nächte.
Seither hat sich viel verändert. Direkt aus dieser Phase kenn ich heute eigentlich nur den Mario Schober (jetzt beim Volkstheater). Wir trafen uns damals beim Witte, er kopierte auch seine Comics dort.
Dann hatten wir fast 30 Jahre keinen Kontakt. Irgendwie, wohl über Facebook, haben wir uns wiedergefunden. Und das gab mir 2018 einen gewissen Neuanstoß, denn er wollte meine ganzen alten Comics nachgedruckt haben. Das Ergebnis war ein limitierter Sammelband, 100 Seiten oldschool-Irrsinn! Und Mario ist jetzt auch beim neuen Magazin wieder mit dabei!
Meine Themen haben sich seitdem über verschiedene Wege weiterentwickelt. Die 80er Comiczeit endete, doch flossen einige ihrer Themen in Songtexte ein. Meine 90er waren nämlich eher von Musik bestimmt. Ich spielte in vielen lokalen Punk- und Metalbands als Gitarrist und Sänger.
Mit meiner Hauptband Sardonyx hatten wir auch wirklich gute Shows von Donauinsel über Rockhaus bis Arena, in der wir auch einige Male das Festival “Zombiezirkus” organisierten. Bei mir jedenfalls sind Comics und Musik zwei sich gegenseitig befruchtende Felder …
Die Band löste sich 2000 auf, ich begann eine neue Karriere als Tätowierer bei Tattoo Demon Bernie Luther. Tattoos waren aber nicht ganz so mein Ding, nebenbei arbeitete ich noch als Hausmeister. Und ich begann wieder zu malen – ich hatte Anfang der 80er Jahre die Dali-Ausstellung im Tabakmuseum gesehen, die hatte den kleinen Bobby sehr beeindruckt. Der Surrealismus hat mich dann einige Zeit lang beschäftigt, aber derzeit liegt die Malerei wieder auf Eis.”

Und jetzt bist du wieder bei Comics gelandet?

“Ja, ich war eine zeitlang sehr umtriebig in der Wiener Kunstszene, aber ich habe immer die idealistische, offene Seite vermisst, wie es sie etwa in der Musikszene gab.
Im Kunst- und Ausstellungsbetrieb kochte jeder sein eigenes Süppchen, und jemand wie ich, ohne das Netzwerk der Hochschulen, wurde in vielen Galerien nicht mal angeschaut. Punkt. Da is nix mit dem alten Mythos “Ich geh mit meiner Mappe, und irgendwann findet mich wer gut…”- nein du rennst deinen Künstlermarathon und letztendlich bietet dir dann am Ende noch jemand an, ordentlich zahlen, um überhaupt ausstellen zu dürfen.
Ich wusste, dass ich gut bin, aber ich kannte halt nicht die richtigen Namen. Für mich war da nichts zu machen.
So drehte sich alles in eher begrenzten Zirkeln, kleiner Stammcrew, und trotz vieler turbulenter Vernissagen die wir dann selber angezettelt hatten, auch guter Verkäufe über einige Jahre, mit Ausstellungen bis Prag und Paris, war irgendwann für mich die Luft raus aus der Sache. Mit Abstand betrachtet finden manche aber immer wieder genügend heiße Luft um diese komische Blase neu zu füllen. Wer’s braucht…
Heute male ich fast nur mehr auf Auftrag. Eine Dali-, Magritte- oder Max Ernst-Ausstellung würd ich gern mal wieder sehen. Weniger heiße Luft – mehr Handwerk.”

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Comics, Shirts und Prints von Bobby Spiess gibt es im Süpermarkt, mehr Surreales in seinem Artlab. Eine Sardonyx-Playlist mit Wienerischem Death Metal steht auf Youtube, so wie auch eine Preview auf Spiess’ neue “Terror Comics”.

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