Barbara Eggert: »Comic ist das Medium, das so viel kann, aber nichts muss.«

Barbara Eggert ist Comic-Autorin und -Forscherin und arbeitet an einer Geschichte der Comic-Ausstellung.
Barbara Eggert ist Comic-Autorin und -Forscherin und arbeitet an einer Geschichte der Comic-Ausstellung.

Barbara M. Eggert ist Comicforscherin. Sie lehrt und forscht an der Kunstuniversität Linz und arbeitet an ihrer Habilitation zu Theorie und Praxis der Comicausstellung. In ihren Lehrveranstaltungen beschäftigen sich Studierende ebenfalls mit dem Ausstellen von Comics, um so zu lernen, wie sie die Eigenschaften von Comics als Kunstform hervorheben können und wie sie „dem Wesen von Comics gerecht werden können“, wie Eggert sagt. 
Unter dem Autorinnennamen Eggy schreibt Barbara Eggert auch immer wieder selbst Comics, unter anderem die Anteater-Webcomics über die Beziehung einer jungen Frau zu einem Großen Ameisenbären.

Was macht denn das Wesen von Comics aus? 

Der Comic ist das Medium, das so viel kann, aber nichts muss. So können in Comics viele Erzählweisen verknüpft werden. Die Kombination von Text und Bild, die man in konservativen Definitionen als zwingendes Kriterium von Comics immer noch antrifft, hat so keine Gültigkeit mehr. Es ist eine Option, wie auch die Sequenzialität.
Ich sehe Comics als das narrative Medium schlechthin.
Bilder können hier erzählen, Text natürlich auch, die Kombination von Text und Bild eröffnet weitere Erzähloptionen von der parallelen bis zur gegenläufigen Narration. Dann kommt noch das Layout der Seite als Erzählebene dazu, die Gestaltung und Anordnung der Panels, die Wahl der Perspektive und des Blickwinkels. Und natürlich die Zwischenräume: Was passiert zwischen den Panels, was wird dargestellt und ausgeführt, was nicht, was wird übersprungen, angedeutet, der Phantasie überlassen? Gute Comicdialogschreiber*innen sind ja auch Meister*innen der Auslassung. 
Das sind alles unterschiedliche Dimensionen von Erzählung, die Comics abbilden können. 
Eigentlich ist es die Polykanalität, die Comics in erster Linie ausmacht.

»Was passiert zwischen den Panels, was wird dargestellt und ausgeführt, was nicht, was wird übersprungen, angedeutet, der Phantasie überlassen?«

Diese vielen unterschiedlichen Möglichkeiten verbindet man ja auch mit digitalen Comics. Verändern digitale Publikationsmöglichkeiten die Erzählweise von Comics, gibt es da in der Forschung schon Erkenntnisse? 

Digitale Comics bieten extrem viele Möglichkeiten. Aber ich habe den Eindruck, hier befindet sich alles noch oder wieder im Experimentierstadium, es gibt noch keine Standards, vielleicht wird es die so auch nie geben. Manche beklagen jedoch, dass das Subversive, was Webcomics zum Zeitpunkt ihrer Entstehung hatten, also in den 1990er Jahren, verloren gegangen sei. Eine Verknüpfung wird hier zu den strikten inhaltlichen Richtlinien von Plattformen wie Tapas oder Tumblr herhestellt. 
Teilweise Animation ist, wie ich finde, eine interessante Option in digitalen Comics, nicht ein-eindeutige Handlungsverläufe sind eine andere. Leserinnen und Leser können hier in die Story eingreifen, Entscheidungen treffen und den Ablauf der Geschichte beeinflussen. Damit bekommt das auch ein wenig Game-Charakter. 
In meinen Augen gibt es da aber noch kein klares Formvokabular, es ist alles in the making.

Frustrierend und langweilig finde ich es jedenfalls immer, wenn Digitalisierung bloß bedeutet, dass aus Papier einfach statische pdfs werden. Für mich persönlich gibt es allerdings nichts, was besser wäre als Papier – trotz aller Vorteile, die Webcomics haben können. Ist vielleicht auch eine Lese-Sozialisationsfrage. Ich will ein Buch in der Hand haben und darin blättern. Die Haptik finde ich sehr wichtig. Zu digitalen Comics gibt es auch vergleichsweise noch recht wenig Forschung. Wenn, dann beschäftigt man sich an Universitäten eher mit digitalem Erzählen an sich, unabhängig vom konkreten Medium oder Kanal. Bei Comics sind aber nach wie vor Heft, Album oder Buch die wesentlichen Forschungsgegenstände. 

Wie kamen eigentlich Comics ins Museum, wie lief der Übergang von Schmutz und Schund zu Kunst?

Wie hat sich Comicforschung eigentlich entwickelt und wie heißt das Fachgebiet an Universitäten genau?

Bei uns in Linz – und der Begriff scheint sich durchzusetzen – heißt es „Comics Studies“. Die Wurzeln der Comicforschung liegen einerseits in den Philologien, also in der Anglistik, Amerikanistik, Romanistik und in der Germanistik. So wie man sich dort wissenschaftlich mit Literatur beschäftigt, beschäftigt man sich eben auch mit Comics als einer Ausformung hiervon. Ein weiterer akadmischer Zugang erfolgt  über die Kunstgeschichte oder über die Medienwissenschaften. 
Bei wir selbst war es die Kombination: Ich habe Deutsche Literatur und Kunstgeschichte studiert und hatte immer schon Interesse an mehrschichtigen Erzähl- und Publikationsweisen. Auf diesem Weg bin ich bei illuminierten Handschriften gelandet und von dort war es dann nicht mehr weit zu Comics.

 

Was sind denn beispielhafte Forschungsfragen der Comics Studies? 

Da gibt es eine ganz breites Spektrum und unterschiedliche Schwerpunkte, was auch davon abhängig ist, aus welcher Disziplin die Forschenden kommen. Ein wichtiger Strang seit Jahren ist der narratologische Zugang, der Fokus darauf, wie Comics erzählen – gerade auch im Vergleich zu anderen Medien wie z.B. Film oder Computerspiel. Ein neuerer Zugang ist die Intersektionalitätsforschung, hier wäre z.B. Véronique Sina zu nennen, die mediale (Re-)Produktion und Konstitution hegemonialer Differenz- und Machtverhältnisse im Medium Comic analysiert und hierbei Aspekte wie Gender, Sexualität und Disability fokussiert.  In meiner Habilitation geht es um einen ganz anderen Bereich. Ich befasse mich mit der Theorie der Comicausstellung und damit zentral mit der Frage, wie Ausstellungen dem Medium Comic gerecht werden können. In diesem Zusammenhang analysiere ich u.a. Comicausstellungen aus den vergangenen 20 Jahren und erstelle eine Typologie: Da gibt es etwa historische Ausstellungen, die die Geschichte des Mediums nacherzählen und Ausstellungen, die sich schwerpunktmäßig mit technischen Aspekten befassen. Dann gibt es auch den Fall, in dem  Comics als Vermittlungsmedium eingesetzt werden. Da wird versucht, mittels Comics etwas zu erklären, was vielleicht gar nichts mit Comics zu tun hat. Hier wird der Comic eher für ein anderes Thema funktionalisiert.
Zusätzlich tauchen dann noch viele weitere Fragen auf; eine nicht unwichtige ist zum Beispiel: Wie kamen Comics denn überhaupt ins Museum? Schließlich waren die ja noch bis in die 1960er Jahre und zum Teil darüber hinaus als  Schmutz und Schund verpönt. Ich habe dazu mehrere Hypothesen. Eine ist die Generationenfrage: Jetzt gibt es eine Generation von Museumschef*innen, für die Comics Nostalgie und Jugenderinnerung sind. Sie haben einen persönlichen Bezug zu dem Medium. Eine andere These ist, dass Comics über den Umweg der Graphic Novels den Weg in Feuilleton und Buchhandel geschafft haben, was schon viel mehr nach Hochkultur klingt, die auch im Museum gezeigt werden kann. Eine dritte These ist, dass die Verbreitung von Comics auch auf einem gewissen Missverständnis beruht: Viele Entscheiderinnen und Entscheider, egal jetzt ob in Museen oder Unternehmen, glauben, dass Comics helfen, jünger und cooler zu wirken. Das ist ja jetzt nicht zwingend so, aber wenn es hilft, Comics zu verbreiten … 
Und ein ganz wichtiger Punkt ist für mich noch das gewachsene Selbstbewusstsein der Comicszene. Leute nehmen Dinge selbst in die Hand, produzieren, kuratieren, verlegen, gestalten eigene Ausstellungen – und damit können sie Comics selbst den Stellenwert geben, den sie für richtig halten. Nicolas Mahler ist hier ein wichtiges Beispiel für mich. Und die Kabinett-Passage in Wien, die von Sibylle Vogel und Thomas Kriebaum betrieben wird.

»Wenn man Leute nach Comics fragt, kennen die meisten Asterix, Tim & Struppi oder Lucky Luke – und das war’s dann. Ich würde mir mehr Neugier wünschen.«

Wenn du den Stellenwert von Comics ansprichst – werden Comics gerade in Österreich und Deutschland besonders unterschätzt?

Gerade im frankobelgischen Raum ist das ganz anders, dort werden Comics ja auch hochoffiziell als neunte Kunst tituliert. In Frankreich gab es auch schon früh Comics, die andere, erwachsenere Zielgruppen angesprochen haben. Barbarella etwa erschien schon 1962. 
In den USA haben sich seit den 70er Jahren die Indie Comix etabliert, die sich auch definitiv vom Kindermedium entfernt haben. Damit war klar, dass es schon seit Jahrzehnten andere Stories und andere Leser*innenschichten gibt, womit sich Comics als Medium weiterentwickelt konnten. Im deutschsprachigen Raum hat diese Entwicklung zeitverzögert eingesetzt. Das hat auch historische Gründe. Im  Nationalsozialismus hat der Comic einen schwierigen Stand.  Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er dann als “Siegermachtsmedium” wahrgenommen. Für viele Menschen ist in Österreich und Deutschland der Comic nicht so ein Thema. Wenn man Leute nach Comics fragt, kennen die meisten Asterix, Tim & Struppi oder Lucky Luke – und das war’s dann. Es ist auch eine Frage, was man überhaupt als Comics definiert…Ich würde mir hier mehr Neugier wünschen…

Du schreibst selbst auch für Comics – was war eigentlich zuerst da, das Interesse als Autorin oder als Forscherin?

Das allererste war das Lesen oder eigentlich Anschauen. Ich habe schon als Kind, bevor ich selbst lesen konnte, die Mumin-Comics geliebt und habe mir immer wieder die Bilder in den Heften angesehen. Bis mir dann jemand vorgelesen hat, habe ich mir selbst Geschichten zu den Bildern ausgedacht. Das waren sozusagen meine ersten Vorerlebnisse als Autorin. Aber auch das analytische Interesse ist damals schon entstanden. Ich erinnere mich noch, dass es in einem Mumin-Comic eine Maus gab, die immer wieder in den Zwischenräumen zwischen den Panels aufgetaucht ist. Die hatte dort gar nichts zu tun, war aber immer wieder da. Sie begann dann sogar einen Dialog mit einer anderen Maus, die sie dazu überredete, ihren Platz zwischen den Panels einzunehmen, weil sie jetzt für ein paar Tage zu einer Hochzeit müsse. Das war ein sehr frühes Beispiel für eine Nebenstory, für ein anderes Erzählformat, was mich damals schon sehr fasziniert hat. 

Was können eigentlich Comic-Autorinnen und -Autoren oder Zeichnerinnen und Zeichner von der Comicforschung lernen?

Allein aus dem Close Reading kann man schon so viel schöpfen. Natürlich ist Zeichnen immens wichtig, um technisch dazuzulernen, ebenso wie Schreiben. Aber man kann auch viel von der intensiven analytischen Auseinandersetzung mit den Werken anderer lernen. Comics bieten so ein großes und weites Spektrum in den Darstellungsweisen und den verschiedenen Erzähldimensionen, dass man auf viele Fragen trifft und einiges davon lernen kann, wie andere etwas gelöst haben oder welche Standards sich etabliert haben. 
Natürlich kann man dann trotzdem noch alles anders machen, aber ich finde es wichtig, formale Elemente und Regeln zu kennen, um sie zu verändern und weiterentwickeln zu können – dann sind das nicht nur zufällige Ergebnisse, sondern bewusste Regelverstöße. 
Aber das Wichtigste für alle, die sich für Comics interessieren, ist wohl, in Läden zu gehen, die Augen offenzuhalten und Neues zu suchen.  

Fotos: Violetta Wakolbinger

Barbara M. Eggert lehrt und forscht an der Kunstuni Linz, Auszüge der Abenteuer des Ameisenbärs Anatol gibt es auf anteater-comic.net. Andere Projekte sind das ComicLabor für Menschen ab 8 und die ComicKöpfe.

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